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Berlin

Es ist ein ständiges Ärgernis: die Hinterlassenschaften der Hunde. Berliner Ordnungsämter starten jetzt erneut eine Kampagne gegen Haufen auf Straßen und Gehwegen.
 
Berlin - Berlin nimmt wieder einmal den Kampf gegen Hundehaufen auf. Gestern hat die neue Kampagne der zwölf Ordnungsämter gegen die unerwünschten Hinterlassenschaften der Vierbeiner begonnen. Die Kiezstreifen sprachen Hundehalter an und verteilten Informations-Flyer sowie 15 000 von der BSR gestiftete Entsorgungstüten. In den kommenden Tagen werden uneinsichtige Herrchen noch ermahnt. Vom 30. Oktober an soll es 35 Euro kosten, wenn Hundebesitzer den Kot nicht aufnehmen.
 
Die Idee für die Kampagne kam der Leiterin des Tempelhof-Schöneberger Ordnungsamtes, Angela Jander, nachdem sich auch zwei Jahre nach Einführung der Ordnungsämter die tägliche Hundekotmenge nicht reduziert hat. Immer noch gibt es nach Angaben der Berliner Stadtreinigung täglich 400 000 Hundehaufen
- rund 55 Tonnen. Pro Jahr gelangen also rund 146 Millionen Tretminen auf Gehwege, Baumscheiben und Rasenflächen, sagt BSR-Sprecher Bernd Müller. Das müssten die Müllmänner mit Kehrmaschine oder mit Schaufel und Kehre einsammeln. Trotz etlicher BSR-Kampagnen wie "Dirty Harry" habe sich bisher nicht viel geändert. "Dabei sind Hundehalter laut Straßenreinigungsgesetz verpflichtet, den Dreck wegzumachen", sagt Müller.
 
Ole Weiß von der Kiezstreife im Volkspark Hasenheide stieß gestern bei den Hundebesitzern im Auslaufgebiet auf offene Ohren. Sie hatten alle ihre kleinen Beutel dabei. "Aber es gibt viel zu wenige Abfallbehälter.
Kilometerweit will keiner den vollen Beutel mit sich rumtragen", sagte Hundehalterin Melanie Püpke. Auch Katharina Felice begrüßte die Kampagne, bedauerte aber: "Es ist so schwer, die schwarzen Schafe zur Verantwortung zu ziehen."
 
Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD): "Wir können nur wachrütteln. Das ist eine Frage des Bewusstseins jedes einzelnen Halters."
Es sei sehr schwer nachzuweisen, dass ein Halter den Hundehaufen nicht weggeräumt habe. Viele Übeltäter schlügen sich mit ihrem Vierbeiner einfach in die Büsche. Buschkowsky ist dafür, die Aktion regelmäßig zu wiederholen.
Auch in der kommenden Woche werde man in Neukölln uneinsichtige Hundehalter im Auge haben - dann jedoch mit Zahlungsaufforderung. Im Bezirk ist geplant, kostenlose Beutelspender, wie sie gerade in der Gropiusstadt ausprobiert würden, auch auf den Hauptstraßen der Innenstadt zu verteilen. Gesucht werden dafür noch Paten, die die Geräte im Blick behalten und auffüllen.
 
Pankows Wirtschaftsstadträtin, Almuth Nehring-Venus (Linkspartei.PDS), stellte gestern klar, dass die Kampagne der Ordnungsämter kein Feldzug gegen Hundehalter sei. "Es soll aber erreicht werden, dass es für sie endlich zur Selbstverständlichkeit wird, die Hinterlassenschaften zu entsorgen", sagte sie. Seit Bestehen des Ordnungsamtes Pankow wurden erst zwölf Verwarngelder gegen Hundehalter verhängt. "Die Mitarbeiter müssen die Hunde bei ihrem Geschäft in flagranti erwischen, nur dann kann ein Verwarngeld verhängt werden."
ela/pletl/zy

17.10.2006
www.welt.de/data/2006/10/17/1074372.html

 

Wußten Sie schon:

Der Streit um den Hund tobte schon 1781

Die einen lieben ihn – die anderen hassen ihn: Der Hund ist das umstrittenste Haustier Berlins, seit mehr als 200 Jahren. Schon im späten 18. Jahrhundert gab es bitterböse Leserbriefe in Berlins Lokalzeitungen. Mit den zahlreichen Initiativen gegen die Häufchen und Hunde in der Stadt, die meist erfolglos blieben, könnte man ein Buch füllen. Hier ein Rückblick:

„Es ist eine alberne und schädliche Gewohnheit, mit großen Kötern aus purer Nachahmungssucht spazieren zu gehen“, schimpfte beispielsweise der Berliner Buchhändler Friedrich Nicolai 1781. Schon damals musste jeder Hund registriert sein, eine Blechmarke tragen und möglichst angeleint spazieren gehen. Der Maler Daniel Chodowiecki machte sich darüber 1799 lustig. Er karikierte elegante Damen und Herren mit ihrem angeleinten Liebling. Titel: „Berlinische Folgsamkeit“.

Eine bissige Kriegserklärung stand 1828 im „Berliner Courier“: „Es grenzt ans unglaubliche, welche Masse Hunde in Zimmern und Straßen herumlaufen und die Leute anfallen.“ Im Jahre 1863 verhängte die Stadt per Polizeiverordnung einen Maulkorbzwang, aber der wurde ignoriert und als Schildbürgerstreich verspottet. In den frühen zwanziger Jahren ärgerte sich dann der Dichter Kurt Tucholsky über die dickfelligen Hundehalter, „die ganz erbarmungslose Menschen sind“.

1929 erging die „Berliner Straßenverordnung“, in der es auch mit Blick auf die Hunde heißt: „Jedes unbefugte Verunreinigen der Straße ist verboten.“ 1941 war in einer Zeitung zu lesen: „Die meisten Hunde folgen ihrem Naturdrang ohne Rücksicht auf den Ort, wo sie sich befinden.“ Und 1950 zürnt eine Leserin im Tagesspiegel: „Man stolpert fast über die Vierbeiner, die auf dem Bürgersteig ihre Visitenkarte hinterlassen.“

1973 wurde vor dem Charlottenburger Rathaus offiziell eine Sandkiste vorgestellt – die erste Berliner Hundetoilette. 1983 startete der Senat eine Plakataktion: „Guter Wille kann Häufchen versetzen!“ Aber die SPD glaubt nicht mehr an das Gute im Hundehalter. Sie fordert den „Schaufel- und Tütenzwang“. 1988 stinkt es den Abgeordneten so arg, dass sie die bisherigen 50 Zentimeter breiten „Lösungsstreifen“ am Rande des Bürgersteiges abschaffen. Dort durfte der Kot bisher liegen bleiben. Nun muss man ihn überall beseitigen, was mit Geldbußen durchgesetzt werden soll. Das ist bis heute nicht gelungen. CS


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